Wo ist Kristian Walker? 2. Februar 2005 (www.welt.de)
Nach der Flutkatastrophe soll ein schwedischer Junge in
Thailand aus einem Krankenhaus entführt worden sein. Es wird
vermutet, daß Kinderhändler dahinter stecken. In Malaysia werden
indonesische Flut-Waisen per SMS zum "Kauf" angeboten
von Ingrid Ragaard, Uta Keseling, dpa, AFP
|

|
|
Der zwölfjährige
Kristian Walker aus Schweden
|
|
Die Homepage des kleinen Ortes Danderyd bei Schweden zeigt vier
lachende, rotbackige Schuljungs im Schnee, die aussehen, als hätten
sie sich gerade eine Schneeballschlacht geliefert. Das letzte Bild
von Kristian Walker zeigt einen ebenfalls lachenden Jungen, im T-Shirt
und mit Sommersprossen - der zwölfjährige Kristian Walker stammt
ebenfalls aus Danderyd, doch nun ist er verschwunden. Aus einem
Krankenhaus in Thailand, nachdem er die Flutwelle überlebt hatte.
Über Weihnachten war Kristians Mutter mit ihm, den beiden
Geschwistern David, 14, und Anna, 7, sowie ihrem neuen Lebensgefährten
aus Schwedens dunklem Winter in den Sommer nach Thailand geflogen,
auf die Insel Phuket, deren Küste am 26. Dezember von der Flut
zerstört wurde.
Wie oft kann ein Vater seinen Sohn verlieren? Der Sohn seinen
Vater? Kristian Walkers Eltern leben getrennt. Vater Dan Walker,
48, blieb Weihnachten zu Hause.
Am 26. Dezember drang die Nachricht von der "Monsterwelle"
auch zu ihm nach Schweden. Dan Walker hörte nichts mehr von
seiner Familie. Sie war verschwunden. Kristians Großvater Daniel
Walker, 78, setzte sofort alles in Bewegung, um herauszubekommen,
was mit seinen Lieben passiert war. Dann, nach drei Tagen, der erlösende
Anruf. Ein Schwede meldete sich bei dem Vater und erzählte, er
habe die Kinder in einem Krankenhaus gesehen, allein, unbegleitet,
aber lebend. Vater und Großvater setzten sich sofort in die nächste
Maschine nach Phuket. Und dann das Wunder - sie fanden David und
Anna in einem Krankenhaus. Die Mutter der Kinder und ihr Freund
gelten jedoch weiterhin als vermißt. Auch vom zwölfjährigen
Kristian fehlte zunächst jede Spur. Aber diese beiden Kinder
lebten! "David war apathisch und sagte kein Wort, Anna war am
ganzen Körper grün und blau. Sie weinte vor Schmerzen. Aber sie
lebten", berichtet Dan Walker.
Er holte die beiden Kinder aus dem Krankenhaus und flog heim
nach Stockholm. Großvater Daniel Walker blieb und suchte weiter
nach dem Enkel, ging von Krankenhaus zu Krankenhaus und zeigte ein
Foto. Und noch ein Wunder geschah. Im Tai-Mueang-Krankenhaus
erkannte man den blonden Jungen sofort. Doch dann kam die zweite
Katastrophe: Er war nicht mehr da. Die Ärztin Kampongsree
Somprutthana berichtete: "Er saß zusammen mit einem europäischen
Mann auf einer Bank vor dem Untersuchungszimmer. Mein Kollege sah
ihn sogar zwei Mal. Er hatte Verletzungen und blaue Flecken. Wir
sind uns alle sicher."
Wer war dieser Mann? Laut Aussage der Ärzte war er Europäer,
hatte einen Bart und trug ein rotes Hemd. Auf dem Foto einer Überwachungskamera
in einem nahen Hotel ist genau dieser Mann deutlich zu erkennen.
Mehrere Hotelangestellte haben ihn erkannt und bestätigten, daß
er vor einigen Tagen zusammen mit anderen Männern und
Jugendlichen im Hotel ein- und ausgegangen sei. Wurde Kristian von
Pädophilen gekidnappt? Die Vermutung liegt nahe, die schwedische
Polizei ist inzwischen überzeugt, daß ein Verbrechen vorliegt.
Sieben schwedische Polizisten sind nach Thailand geflogen, um nach
Kristian Walker zu suchen. Vater und Großvater haben trotz der
Polizeiaktion wenig Hoffnung. Sie glauben zwar, daß das Kind noch
lebt. "Aber in den Tagen nach der Flutwelle war es sehr
einfach, das Land ohne Paß zu verlassen", sagt der Großvater,
und auch Dan Walker glaubt, daß die Suche in Thailand nicht mehr
viel ergeben wird. "Dieser Mann hat enormen Vorsprung, ich
nehme an, daß er das Land mit meinem Sohn verlassen hat."