Wo ist Kristian Walker? (2)
(www.welt.de)
Die Bilder, die jetzt aus dem kleinen Ort Danderyd um die Welt gehen,
zeigt zwei Kinder in den Armen eine Mannes: Vater Dan und Kristians
Geschwister David und Anna. Eine zerrissene Familie, wie versteinert
zwischen Trauer, Hoffen und Bangen.
"Keiner kann sich vorstellen, wie das ist. Wir hoffen und hoffen.
Das macht uns ganz fertig." - Die 26jährige Bettina Persson aus Dänemark
erlebt einen ähnlichen Albtraum wie die Familie Walker aus Schweden. Sie
verlor ihren dreijährigen Sohn Oliver in der Welle, kam selbst schwer
verletzt in ein Krankenhaus. Zwar wurde ein kleiner Junge namens Oliver am
26. Dezember in das Krankenhaus von Tapuang eingeliefert. Doch bereits
einen Tag später nahmen Unbekannte das Kind von dort mit. War dieser
kleine Oliver ihr Oliver? Zeugenaussagen und Fotovergleiche sprechen dafür.
Aber wer waren die fremden Menschen, die das Kind mitnahmen? Keiner weiß
es. Nach Aussagen der Ärzte sollte Oliver von den drei Unbekannten in ein
anderes Krankenhaus gebracht werden. Aber nirgends wurde ein kleiner,
blonder, elternloser Junge gefunden. "Es gibt keine Papiere, in denen
steht, was mit Oliver passiert ist", klagt sein Vater Anton Rasmussen,
"man weiß nur, daß er im Krankenhaus war. Sonst nichts." Die
Nachricht traf per SMS im malaysischen Unicef-Hauptquartier ein: 300
Waisenkinder aus der von der Flutkatastrophe besonders schwer getroffenen
indonesischen Provinz Aceh werden von anonymen Geschäftemachern zum
"Verkauf" angeboten, berichtet John Budd vom Kinderhilfswerk
Unicef. Bei den makabren Textbotschaften blieb es nicht. In einem Fall ist
bewiesen, daß ein Kind aus Aceh nach Medan, der Hauptstadt Sumatras,
verschleppt wurde. Auch Nicht-Regierungsorganisationen informierten Unicef
darüber, daß mehrere hundert Kinder aus der Provinz Aceh in die
indonesische Hauptstadt Jakarta gebracht worden seien. "Wir wissen
aber nicht, ob es zum Schutz war oder ob sich dahinter etwas Finsteres
verbirgt", so Budd. "Es gibt Banden, die solchen Kinderhandel
schon seit langer Zeit betreiben.". Medan habe sich als eine Art
Umschlagplatz herausgebildet. Die Kinder würden vorzugsweise nach
Malaysia und Singapur "verkauft" und dort adoptiert. Die
indonesische Zeitung "Jakarta Post" berichtet, die indonesische
Regierung habe inzwischen einen Ausreisestopp für Kinder unter 16 Jahren
verhängt, die aus der Provinz Aceh stammen, um den Kinderhandel zu
erschweren. Auch aus den Flüchtlingslagern in Sri Lanka, wo 700 000
Flüchtlinge in 800 Lagern leben, hat Unicef vereinzelte Berichte über
sexuellen Mißbrauch und Gewalt von Kindern erhalten, berichtet der
Sprecher von Unicef Deutschland, Christian Schneider. "Die traurige
Wahrheit ist, daß solche Dinge in allen Flüchtlingslagern vorkommen, ob
in Kosovo oder in Afrika." Auf Bitten der Regierung von Sri Lanka
wolle Unicef nun eine erste, psychologische Betreuung der Kinder
einrichten, kündigt Schneider an. "Dazu bringen wir Spielzeug
dorthin und schulen Jugendliche aus den Lagern, damit sie sich um die
Kinder kümmern können. Insgesamt sind mehr als 600 000 Kinder und
Jugendliche unter 18 Jahren von der Katastrophe in Südasien betroffen -
mit steigender Tendenz.
Artikel erschienen am Mi, 5. Januar 2005